freimauern

freimauern

Eine virtuelle Ausstellung zu Videominiaturen, Beginn: 09.05.2009

„Die Antwort gibt jeder von uns und bringt dabei seine Geschichte, seine Sprache, seine Freiheit mit.”
(Roland Barthes)

Der Kunstverein gokart hat eine offene Anzahl an KünstlerInnen wie Kulturschaffende aus Nachbardisziplinen dazu eingeladen, Videominiaturen zum Thema „freimauern” zu realisieren. Diese Videominiaturen präsentieren sich in Form einer virtuellen Ausstellung, die die Errichtung und den Fall einer Mauer phänomenologisch interpretiert und diese durch die verschiedenen Videoarbeiten ironisch, sozialkritisch und metaphorisch aufarbeitet. Durch die monatliche Zufügung einer neuen Videominiatur wird ständig ein neuer künstlerischer Aspekt beleuchtet.

Die Abstrahierung der Mauer und ihres Falls führt zur Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Gegenüberstellung von Antinomien und des daraus resultierenden Dualismus. Gibt es nämlich eine Mauer, so gibt es auch ein Hier und ein Dort, eine Eingrenzung und eine Ausgrenzung und eine mögliche Grenzüberschreitung. Die Überschreitung und Überwindung von Grenzen steht als Synonym von Freiheit für die Verwirklichung und Bewahrung von Freiheit und gilt als Grundvoraussetzung der Freiheit des Geistes.





Gabriela Oberkofler

"Auf der Suche nach meiner Heimat besteige ich diverse urbane Berge der Stadt Stuttgart und bejodle sie."
(Gabriela Oberkofler)

Vor vielen Jahren hat Gabriela Oberkofler ihren Heimatort Jenesien verlassen und ist nach Stuttgart gezogen. Der dadurch erfahrene Verlust des Bekannten und Gewohnten hat die Künstlerin zu einer Auseinandersetzung mit der Herkunft geführt. Durch die Konfrontation mit der eigenen kulturellen Zugehörigkeit wurde in ihr eine Suche nach vertrauten Bildern und Erfahrungen evoziert: Stadtimmanente Bestandteile wie Brunnen, architektonische Elemente und Schutthaufen wurden zu Bergen, die von der Künstlerin bestiegen und bejodelt wurden.
Somit gestaltete die Künstlerin in einer fremden Umgebung Vertrautes nach und formulierte dadurch ihre persšnliche Beziehung zur eigenen Kultur aus, der sie gleichzeitig mit Nähe und Distanz begegnete. Diese vorhandene Ambivalenz förderte etwas, das für die Videoarbeiten von Gabriela Oberkofler bezeichnend ist: das Zusammenspiel von Ironie und Ernsthaftigkeit.

Gabriela Oberkofler
Gipfelstürmen, 2008
Kamera: Christoph Trendel
Dauer: 206 Sekunden
Courtesy of gokart









Christian Niccoli
Ohne Titel Nr. 1,
2009

...
(Christian Niccoli)

In Zeitlupe gibt die Videoarbeit das Herabfallen eines jungen Mannes wieder. Wo der Ausgangspunkt und wo der Endpunkt des Sturzes anzusetzen ist, bleibt dabei unbeantwortet.
Das Fallen wird in eine Kontextlosigkeit gebettet, die einerseits absolute Freiheit und Ungebundenheit und andererseits Haltlosigkeit und Verlorensein suggeriert.
Diese Bindungslosigkeit, die für eine verstärkte Form von sozialer Autonomie einstehen kann, wird somit gleichzeitig zu einem Ausdruck von Nihilismus.
In dieser Hinsicht wird auch der bewusste Verzicht auf einen Titel zu einer zwiespältigen Freiheit, die Christian Niccoli seiner mit einer Highspeed-Kamera gedrehten Videoarbeit verliehen hat.

Christian Niccoli
Ohne Titel Nr. 1, 2009
HD Hi-speed video, 2:50
Dauer: 154 Sekunden
Kamera: Andreas Steffan
Technische Assistenz: Christoph Skofic
Cast: Christoph Steinicke
Musik: Aritape
Realisiert mit freundlicher Unterstützung von: Autonome Provinz Bozen Südtirol - Deutsche Kultur; Weisscam Hispeed Technologies, Munich; Stadt Forst (Lausitz)
Courtesy of gokart









Martina Drechsel
Ohne Titel,
2009

Wohlauf Kameraden, aufs Pferd!
(Martina Drechsel)

In der zum Video montierten Fotosequenz verhüllt die Künstlerin Martina Drechsel ihren eigenen Körper durch ein Lacken, das zur verformbaren Hülle der persönlichen Körperlichkeit wird. Als Sinnbild der Maskerade und als Sinnbild einer beugsamen und transformierbaren Entität, lenkt gerade diese Hülle den Fokus auf das Innere. Denn eine Maske ist nicht das, was sie darstellt, sondern das, was sie transformiert, d.h. absichtlich nicht darstellt. So wie ein Mythos verneint auch eine Maske ebensoviel wie sie bejaht. Sie besteht nicht nur aus dem, was sie sagt oder zu sagen meint, sondern auch aus dem, was sie ausschließt. (Claude Lévi-Strauss, Der Weg der Masken, 1977). Durch das Verhüllen und das Verbergen bleibt dem Betrachter der Inhalt der Hülle und dessen Identität verschlossen. Aber durch die Silhouette der Körperlichkeit entstehen Konnotationen, die eine Imagination von eingegrenzter Weiblichkeit hervorrufen. Der (in der Hülle nackte) Körper bewegt sich zwischen schamvollem Räkeln im hermetischen Raum einerseits und pulsierendem Pochen im Rhythmus der Musik andererseits. Die Wahl der Musik scheint dabei als burlesque Intervention eine gleichzeitige Aufhebung des Pathos zu provozieren. Das hierbei fotografierende Auge ist ein Auge, dem die Künstlerin voll und ganz vertraut und glaubt. Für sie wird die Fotografie zur eigentlichen Manifestation von Existenz und von Identität.

Martina Drechsel
Ohne Titel, 2009
Fotografie: Teresa Drechsel
Dauer: 79 Sekunden
Musik: Musikkappelle Mils b. Imst
Courtesy of gokart









Barbara Gamper
no-end (today yes, what about tomorrow?),
2009

„Niemandsland, Leere, ein Zwischenraum. Jeden Tag das selbe. Ich wache in dieser Landschaft auf, neben dem Bett ein Leuchtsignal. (Heute ja, aber was ist mit morgen?) Ich halte es in den Wind. Ich weiss nicht, woher ich weiss, dass ich weggeholt, mich aber morgen wieder dort befinden werde. Es scheint, als wäre ein Traum Wirklichkeit geworden. Ich kann in diesem Raum nicht lange sein.” (Barbara Gamper)

Wo befindet sich der Mensch, wenn das Gefühl an kultureller Zugehörigkeit immer mehr schwindet und sich eine Ohnmacht durch Orts- und Identitätsverlust festmacht? Barbara Gamper zeigt in ihrer postapokalyptischen Videominiatur eine unwirtliche, surreale Landschaft, die durch das Fehlen von Besonderheiten und Kennzeichen keine Identifizierung zulässt und somit nirgendwo und überall zu sein scheint. Dieser Zwischenraum steht für einen Übergang, der den virtuellen mit einem scheinbar existenten Raum verbindet. Das Verlorensein in einem sozialen Gefüge findet seine Entsprechung in der Personifikation eines zeitgenössischen Flüchtlings: Ein Flüchtling, der vor der globalen Bewegung und Kommunikation heutiger Gesellschaft flieht. Dieser Flüchtling ist der gesellschaftlichen Struktur weder zugehörig, noch kann er ihr völlig entkommen. Seine menschliche Präsenz erfährt keine reale Dimension, sondern eine symbolische und verstärkt gleichermaßen das Verlorenheitsgefühl wie die Frage nach Identität.

Barbara Gamper
no-end (today yes, what about tomorrow?), 2009
Verlorene Person: Marcus Woodcock
Dauer: 100 Sekunden
Digitales Video
©Barbara Gamper
Courtesy of gokart









Kassian und Ulrich Troyer
Open,
2009

"fahren fahren fahren - zweitausendundeins - munich machine - boing boom tschak - aldi oder hofer"
(Kassian und Ulrich Troyer)

Das von Ulrich und Kassian Troyer konzipierte Road-Movie „Open” scheint zeit- und raumlos zu sein und dennoch jede Zeit und jeden Ort zu verkörpern. Die minimalistische Animation verbindet viele Gegensätze: Die Individualität des Fahrgefühls und die Anonymität einer Landschaft fügen sich einerseits zu uneingeschränkter Freiheit und andererseits zu Barrieren zusammen. Der scheinbare Widerspruch, der aus einer ephemeren Wechselhaftigkeit und einer gleichzeitigen Kontinuität hervorgeht, findet seine Entsprechung im Sound, der seinerseits den narrativen Charakter der Animation unterstreicht.
Das Road-Movie wird selbst zu einem verbindenden Element, da es durch seine Konzeption und Realisierung die unterschiedlichen Standorte der beiden Brüder zusammenführt. Die Gespräche, die zwischen Berlin und Wien stattgefunden haben, evozierten Referenzen aus der Musik- und Filmwelt, die die Konzeption und die einhergehenden Dialoge skizzieren.

Kassian und Ulrich Troyer
Open, 2009
Dauer: 90 Sekunden
Animation: Ulrich Troyer
Sound: Kassian Troyer
Courtesy of gokart






Heinz Mader
Heinzhenrikopf, 2007

„vater sohn vatermörder kampf alt jung groß klein tradition ignoranz wissen weisheit unwissen zart agression angst spaß volle pulle köpfe schlagen schreien leiden schmerzen lachen wie irre tränen im gesicht und weiter au au tut das weh fronten umkippen mit unsinn wände umstoßen rumpeldipumpel aua aaaua hahahaha päng ein pogo tanz kampf und neue grenzen freiräume erholung schutz für gladiatoren gegendruck befreiung witzstrategieintelligenz.”
(Heinz Mader)

Heinz Maders Videominiatur baut auf einer uninszenierten Situationskomik auf, die Unmittelbarkeit suggeriert. Die Intimität der Situation wird durch die schlechte Bildqualität unterstützt, die darauf verweist, dass die Momentaufnahme mit dem Mobiltelefon sich jeglicher Regie entzieht. Es erscheint somit nur konsequent, wenn der Künstler seinen spielerischen Kampf mit seinem Sohn auch über das Werfen von Wörtern, frei von jeder Satzstruktur, austrägt.

Heinz Mader
Heinzhenrikopf, 2007
Video mittels Mobiltelefon
Courtesy of gokart








KünstlerInnen der Videominitaturen von Mai bis August:
Heinz Mader
Ulrich und Kassian Troyer
Barbara Gamper
Martina Drechsel

Kuratorin: Martina Oberprantacher
Text: Martina Oberprantacher
Italienische Übersetzung: Barbara Campaner, Stefania Saracino
Englische Übersetzung: Hilary Solly, Debora Bruns

Finanzielle Unterstützung:
Autonome Provinz Bozen, Amt für Kultur